Teil1: Hat die (Volks)Wirtschaftswissenschaft noch eine Zukunft…?

„In einem Brief an Roy Harrod, seinen ersten Biografen, schrieb Keynes: „Ich möchte entschieden betonen, dass die Wirtschaftswissenschaft eine moralische Wissenschaft ist. Ich habe das bereits erwähnt: Sie befasst sich mit Selbstbeobachtung und mit Werten. Ich könnte noch hinzufügen, dass sie sich mit Motiven, Erwartungen und psychologischen Unsicherheiten beschäftigt. Es ist so, als ob der Fall des Apfels auf den Boden von den Motiven des Apfels abhinge, ob es sich wohl lohne, auf den Boden zu fallen, und ob der Boden wolle, dass der Apfel auf ihn fiele, und von den falschen Berechnungen seitens des Apfels, wie weit er nun vom Zentrum der Erde entfernt sei.“ Worum es ihm hier geht, ist, dass die Wirtschaftswissenschaften nicht mit Naturwissenschaften verwechselt werden dürfen. Ein Ökonom muss ein „Mathematiker, ein Historiker, ein Staatsmann und ein Philosoph“ sein, und „kein Teil der Natur des Menschen oder seiner Institutionen“ dürfen von ihm übersehen werden, wie er schrieb.“

Quelle: http://www.brandeins.de/magazin/lebensplanung/von-aepfeln-und-birnen.html
Aus einem Interview mit Lord Robert Skidelsky

Wir alle wissen, dass es damit nicht weit her ist!

Was ein echter neuzeitlicher Ökonom ist, insbesondere ein Neoklassiker/Neoliberaler, der interessiert sich nicht für Menschen, ja nichtmal sonderlich für die Realität, ökonomische Details, oder gar für Moral, sondern nur für seine teilweise weltfremden Theorien, mit etwas Glück noch für Statistiken.

Solche Ökonomen, die idR selbst nie Not oder gar Hunger gelitten haben, haben dann auch kein Problem die Kürzung von Sozialprogrammen o.ä. vorzuschlagen, solange sich das in ihren Tabellen als Wirtschaftswachstum oder Einkommensanhebung wiederspiegelt oder ihr Denkmodell das fordert. Scheitert ihr Rezept, ist immer jemand anderes dran schuld (Politiker, unwilliges uneinsichtiges Volk, unvohergesehene Ereignisse…).

Umweltzerstörung? Aushebelung von Demokratie und Gemeinschaftsinteressen? Steigender Verbrauch begrenzter Rohstoffe? Landflucht? Extreme Ungleichheit und Abhängigkeit von privaten Gläubigern? Auflösung gewachsener sozialer Strukturen? Slums und Elend? Steigende Kriminalität? Wachsende politische Instabilität? Korruption? Alles kein Thema!

Wie ich darauf komme? Nun ich habe Paul Krugmans Buch „Die neue Weltwirtschaftskrise“ gelesen. Nicht vollständig leider, weil ich es nur ausgeliehen hatte, aber ich denke weit genug, um Krugman einigermaßen einschätzen zu können.

Und ganz ehrlich: er hat mich ein bisschen enttäuscht. Der streitbare Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, der sich selbst als „free-market Keynesian“ bezeichnet und so eine Art Star der Ökonomenszene ist, kommt in dem Buch teilweise recht oberflächlich daher, was mich zu der Schlußfolgerung veranlasst, dass er eher der Einäugige unter den Blinden ist, als ein Sehender.

Er macht z.B. nicht den Fehler den Erfolg einer Wirtschaftspolitik nur an der Wachstumsrate und den gemittelten Einkommen zu messen, er zieht auch die pro kopf verbrauchte Kalorienzahl hinzu. Das ist aber leider immer noch unglaublich oberflächlich und sagt fast nichts aus. Ist der Umstieg von Reis und Gemüse zu Hamburgern und Speck eine echte Verbesserung (so man der Datenerhebung in einem Entwicklungsland überhaupt soviel Glauben schenken will)? Und mit wieviel Zerstörung und neuer Abhängigkeit wurde das bezahlt?

All das spielt für ihn offenbar keine Rolle. Die segensreiche Wirkung des Weltmarktes steht für ihn ebenso zweifelsfrei fest, wie er eine gnadenlose schnelle Industriealisierung und globale Konkurrenzfähigkeit für absolut notwendig hält. Seine Kritik beschränkt sich im Wesentlichen auf die „Spar“programme und die damit einhergehende Nachfrageschwächung, sowie auf die Unsicherheit durch, und Abhängigkeit von den Finanzmärkten, und ich vermute, dass das nicht nur an lückenhaften Daten und einer bewussten Vereinfachung liegt.

Lesen kann man das Buch trotzdem, es enthält einige interessante Aspekte, Modelle und erläutert historische Begebenheiten.

Endlich Neues wagen!

Nun wie auch immer, vielleicht ist es einfach wichtig und an der Zeit die Volkswirtschaftswissenschaft auf stabilere Beine zu stellen, ihre Ziele zu hinterfragen, ihre Grenzen offenbar zu machen und ihre Fehler zu bereinigen.

Am besten werfen wir dafür das Wort „Volkswirtschaftslehre“ als erstes über Bord, lehren kann man schliesslich  nur, was man verstanden hat und das scheint nicht wirklich viel zu sein. Mehr Mystik als Wissen.

Darüber hinaus scheint mir eine Betonung von „Wissenschaft“ wichtig. Ein Ergebnis sollte nicht nur schön klingen und gut in ein philosophisches Denkgebäude passen, man sollte es auch empirisch jederzeit prüfen können und die Randbedingungen sollten sehr genau definiert sein.

Ob eine Massnahme (z.B. Konjunkturpaket) wirkt oder nicht, hängt nämlich z.B. von ihrem Umfang ab (wieviel Geld und wie lange?), vom Verschuldungsgrad der Wirtschaft und Bürger (entschulden die Menschen zuerst, bevor sie wieder investieren?), der Durchlässigkeit der Grenzen (fliesst Geld ab?), der Zielgerichtetheit (welche Gruppe bekommt das Geld?) usw. ab. Für eine politische Empfehlung müssten dann auch noch moralische Überlegungen mit einfliessen.

Ich bin nicht so vermessen, zu glauben, ich könnte dieses neue volkswirtschaftliche Paradigma auf die Beine stellen, aber ich möchte in dieser Artikel-Reihe interessante Zusammenhänge und Modelle vorstellen und verlinken. Denn es bewegt sich einiges, leider noch viel zu wenig und viel zu langsam. Die Verwirrung ist groß und die alten Ökonomen sind nach wie vor unglaublich mächtig, mit ihrer mittlerweile tief in den Gehirnen verankerten Philosophie für die Reichen.

So, das war es fürs erste, Zeit fürs Bett, schon wieder fast drei Uhr. Ich hoffe ihr müsst nicht so lange auf eine Fortsetzung warten…

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s