Utopia2 – Das Verantwortungszertifikat

Keynes soll mal gesagt haben:

Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden.“

Das tun die widerwärtigen Menschen natürlich nicht, trotzdem ist die berühmte „unsichtbare Hand“-Metapher von Adam Smith, die allen Wohlstand beschert, wenn nur die Wirtschaft floriert, nicht ganz falsch.

Warum? Nun, wenn die Wirtschaft floriert, können soziale Forderungen leichter gestellt werden (Bau von Schulen, Alterssicherung usw.) und die Ansprüche steigen, auch die Produkte an sich heben natürlich den Wohlstand.

Leider ist es so, dass dies nur unter bestimmten Bedingungen gilt. Die Deutschen können mit ihrer exportorientierten Wirtschaft ein Lied davon singen, insbesondere seit sie den Euro als Fußfessel haben. Das Hohelied von der internationalen Konkurrenz wird allerorten dazu genutzt, alle Forderungen abzuwürgen. So dumm das volkswirtschaftlich auch sein mag, die großen finanzmächtigen Player bestimmen halt den Kurs und der hat nur Absatzmärkte im Visier.

Das hat an vielen Stellen zwar dazu geführt, dass alle billige Produkte haben (selbst in Aufsteigerstaaten-Slums gehören Fernseher und Handy mittlerweile zum Alltag), aber alles was darüber hinausgeht kann oft nicht mehr eingefordert werden. Bildungsteilhabe, staatliche Grundlagenforschung, soziale Absicherung, Alterssicherung, saubere Umwelt, Rechtsstaat, demokratische Teilhabe, all das verschwindet allzu leicht hinter dem Sachzwang ständig konkurrenzfähig sein zu wollen und zu müssen.

Und das obwohl sich niemand damit wohlfühlt. Gerade die Konsumenten in den reicheren Ländern leiden unter dem Wissen, dass andere für ihre Produkte ausgebeutet werden. Sie zahlen (so sie können) sogar mehr, um faire und nachhaltige Produkte erwerben zu können. Was aber leider den reissenden Strom der Weltwirtschaft nicht bremsen kann, kauft x keine Ausbeutungsware, y tut es, wenn der Preis stimmt.

Jeder der dagegen anrennt, handelt sich hingegen den Vorwurf ein „protektionistisch“ zu argumentieren, was tatsächlich in der Geschichte mehr oder weniger gescheitert ist. Zum einen sind Zölle ein sehr grobes Werkzeug, idR werden sie für ganze Länder erhoben, zum anderen sind sie mit Tricks umgehbar (importieren über Drittland), zum dritten wehren sich die so benachteiligten Länder selbst mit Blockaden, so dass der Welthandel komplett zum erliegen kommen kann. Und die wenigsten Länder besitzen genug verschiedenste Ressourcen um autark wirtschaften zu können.

Eine Idee, die mir daher schon lange durch den Kopf spukt, ist die des Verantwortungszertifikates:

  1. Jedes Unternehmen welches im Ausland fertigt, zahlt eine Ausgleichssteuer, solange es kein solches Zertifikat hat (z.B. 40% des Verkaufswertes).
  2. Hat ein Unternehmen ein solches Zertifikat, seine Zulieferer aber nicht, so wird eine reduzierte Ausgleichssteuer fällig (z.B. 20% des Verkaufswertes).
  3. Sind sowohl Zulieferer, wie auch das Unternehmen zertifiziert, wird keine Steuer fällig.
  4. Das Zertifikat wird gewährt, wenn bestimmte demokratisch festzulegende Regeln eingehalten werden (unabhängiger Betriebsrat vorhanden, Tagesarbeitszeit max. 8h, ausreichender Lohn um eine Familie im entsprechenden Land zu ernähren, keine groben Umweltsünden etc.)
  5. Verteilt wird das Zertifikat von geschulten Privatfirmen, kontrolliert (und zwar: unabhängig, unangekündigt und streng) wird  hingegen von staatlichen Kontrolleuren
  6. Die Anmeldung ist (zumindest für kleine Firmen) kostenlos und wird ua bezahlt von der Ausgleichssteuer.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • rein national durchsetzbar
  • Freihandelsregeln werden nicht beeinträchtigt
  • wer sich gegen die Maßnahmen wehrt, steht als Ausbeuter da
  • über die Steuer kommt Geld für den klammen Staat rein
  • nationale Produkte lohnen sich uU wieder mehr, zumindest wird Ausbeutung nicht mehr belohnt
  • man kann über einen (reichen) Absatzmarkt die Arbeitsbedingungen in vielen Ländern hebeln
  • die Wirtschaft fährt sowieso auf Zertifikate ab (siehe iso9000-Kram)
  • der wirtschaftliche Trend, Probleme in Zulieferfirmen auszulagern, wird unattraktiv
  • Transparenz für den Käufer

Ich hege keine Hoffnungen, dass das in unseren Pseudodemokratien durchsetzbar ist, aber ich will es wenigstens mal als Anregung in den Cyberspace geworfen haben. Niemand soll behaupten können, es gäbe keine machbaren Lösungsvorschläge innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung…

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